Literatur & Bücher Porträts

Fragen an Hans Jörg Rafalski, Autor

Heute gibt es ein kurzes Interview mit Hans Jörg Rafalski, dem Initiator der Brandenburger Buchmesse.

Herr Rafalski, die Buchmesse ist inzwischen schon eine Weile her. Bereiten Sie schon die 3. Messe vor?

Am 30. November fand die 2. Brandenburger Buchmesse wieder in der Stadt- und Landesbibliothek statt. Als Einladungsmesse stellt sie hohe Ansprüche an die Teilnehmer und ich sehe sie in dieser Lesart als Qualitätsmesse. Inzwischen hat das in Brandenburg einmalige Format aber viele Grenzen erreicht und einige überschritten. Es gibt großes Interesse unter einem wachsenden Kreis Brandenburger Büchermacher teilzunehmen. Wir sind einfach zu viele und haben zu viel, was wir gerne präsentieren möchten. Aber das ermöglicht der Saal in der SLB nicht mehr. Insofern bin ich natürlich bei der Vorbereitung der Messe, denn ich möchte gern die Dimension vergrößern und auch ausländische Gäste zum Dialog mit Brandenburg einladen. Die Messe kann und soll eine kulturelle Institution im Land werden, denn Bücher bilden Identität. Nicht Dateien und Seiten im Netz, sondern haptische Bücher, die unveränderliches Zeugnis unserer Zeit stehen. Bücher bilden das wichtigste Kulturgut in jeder Zeit und Epoche und die Brandenburger Büchermacher bringen in der Leistungsspitze so gute Bücher heraus, dass sie der Wahrnehmung, die ich mir für sie wünsche, wert sind.

Bekommen Sie inzwischen mehr Unterstützung durch die Stadt Potsdam? Schließlich sollte man sich doch auf die Tradition Friedrich II. berufen, der ja ein großer Bücherliebhaber war?

Potsdam ist für uns aus der Provinz eine Schwer-Eroberbare. Es ist verständlich, dass sich Potsdam zu Berlin hingezogen fühlt und an Berlin seine Maßstäbe sucht – vor allem kulturell. Aber die sich ergebende Entfremdung zwischen Potsdam und Rest-Brandenburg ist überall zu spüren, politisch, wirtschaftlich, kulturell. Keine Landeshauptstadt könnte weiter entfernt von ihrem Land sein, als Potsdam. Wenn man im Oderbruch lebt, dann gewinnt man leicht das Gefühl, dass Potsdam nur sich selbst und Berlin genügen möchte. Die politischen Konsequenzen dieser Entfremdung werden wir alle in wenigen Jahren zu spüren bekommen, denn die Wähler der Rechtsparteien werden sich gegen das Abgehängtsein durch die Landespolitiker noch erfolgreicher wehren. In meinem Suchen nach Unterstützung in Potsdam für meine landesweiten Buchprojekte habe ich genau das erfahren: vollkommenes Desinteresse des offiziellen Brandenburg gegenüber Initiativen und Menschen aus der Provinz. Brandenburg hat einmal entschieden, die Wiedervereinigung mit seiner früheren Landeshauptstadt Berlin nicht zu wollen. Die Konsequenz dieser Entscheidung muss dann meiner Meinung nach aber auch sein, ein Land mit einer eigenen Identität anzustreben. Doch das ist nicht der Fall. Die Identität des Brandenburg der Gegenwart wird aus Straßen und Autobahnen von und nach Berlin gemacht. Brandenburg ist Transitfläche der Hauptstadt, sonst nichts. Bücher besäßen die Kraft, dem eine Alternative zu formulieren. Nur muss das Land dazu Brandenburger Bücher wollen.

Herr Rafalski, auf der Messe „Schöne Bücher aus Brandenburg“ haben Sie ein außergewöhnliches Buch über Irland präsentiert. Es gibt auch mehrere Artikel über das Land. Haben Sie ein besonderes Verhältnis zu diesem Land?

Das Buch rührt aus einer großen Jugendsehnsucht und ist mit der Erfüllung dieser Sehnsucht gewachsen. Ich habe 25 Jahre lang daran gearbeitet. In seinem Ursprung sagt das Buch somit aber erst einmal mehr über die DDR, aus der ich komme, und über die Art der Welt, wie sie in den 80ern gewesen ist. Während unter meinen Mitschülern ansonsten Australien und Kanada die großen Sehnsüchte formulierten, war es bei mir immer das Verborgene, das, an dem noch etwas Geheimnisvolles zu hängen schien. Das, worüber nichts oder wenig bekannt war. Mir erschien Irland damals als das verborgenste Land Europas. Irland von dieser Seite des Eisernen Vorhangs aus zu entdecken, glich einem riesigen Puzzle. Meine Annäherung begann mit uralten Lexika, in denen ich die bekannten Klischeefotos in Schwarz/Weiß entdeckte. In Buchläden und Bibliotheken fand ich dann Joyce und Flann O’Brien und in Zeitungen die fortlaufenden Sechs- bis Zwölfzeiler über die Troubles in Nordirland. Daraus ergab sich natürlich kein Bild eines Landes, aber daraus entstand schon damals die Idee, aus vielen kleinen Informationen das gesamte Bild zusammenzusetzen. Und ich bin nie müde darin geworden, die Insel entdecken und kennenlernen zu wollen. Am Ende stand dann eine Reflexion des Landes aus jenen 25 Jahren, in denen Irland aus Verhältnissen, die wir der Jahrhundertwende zuschreiben würden, einen Sprung in unsere Zukunft getan hat. Denn Irland wird ja heute als „Labor der Globalisierung“ bezeichnet.

Wie ist Ihr Buch entstanden? Es ist ja kein typischer Reiseführer.

Zu Fuß. Jedenfalls weitestgehend. Mit 30 Kilo auf dem Rücken und einem Bündel Papier in der Tasche schreibe ich beim Wandern. Es hat etwas sehr kontemplatives und inspirierendes, beim Durchwandern über die Landschaft zu schreiben. Ein Reiseführer ist es nicht und sollte es auch nie werden. Ein Land hat viel mehr Ansichten, als nur die vom Sightseeingbus. Und mir ging es immer um das ganze Bild. Irland ist viel zu spannend, um sich nur mit dem zu befassen, was den Touristen angeboten wird. Ich denke, dass das Buch eine sehr intime und individuelle Sicht auf das Land vermittelt.

Das Buch erschien in Ihrem eigenen Verlag. Wie und warum gründet man einen Verlag ?

Wenn man heute die deutsche Verlags- und Buchhandelsszene betritt, entspricht das wohl so in etwa dem Eintreten ins Colosseum. Da gibt es die Verlagslöwen mit Sitz westlich der Elbe und die wenigen Großhändler in der Cäsarenloge, die über Wohl und Wehe der Streiter entscheiden. Und in der Arena läuft ein blutiges Gemetzel, in dem ein Kleinstverlag ohne Chance ist und per System auch sein soll. Leider arbeiten auch die öffentlich-rechtlichen Medien ausschließlich im Sinne der Löwen und beteiligen sich durch ihre Ignoranz an dem Schlachtefest der Kleinen. Das muss man wissen, bevor man in die Arena tritt. Der Verlag ist für mich die Erfüllung eines lebenslangen Traumes, aber es ist eben nichts, wovon man leben kann. Und das war nie die Idee. Darin bin ich aber nicht allein. Die meisten Teilnehmer der Brandenburger Buchmesse erfüllen sich auf diese Weise ihren Traum. Sie bleiben unabhängig und können so die Grenzen ihrer Vorstellungskraft erreichen. Für Liebhaber origineller und zugleich guter und hochwertiger Bücher ergibt sich aus der Selbstbefreiung vom Zwang zum Gewinnerwirtschaften ein großer Vorteil, denn wir schaffen aus meiner Sicht Besonderes. Der Vacat Verlag und Jürgen Strauss aus Potsdam, die Edition Galerie Vevais aus Eggersdorf, der Cottbuser Fabrik Verlag, Manuela Busch und Frank Wiemeyer aus der Uckermark und einige andere. Es würde mich sehr freuen, wenn ich ein paar Leser des Potsdamer Blogs auf uns neugierig machen könnte, denn wir schaffen außergewöhnliche Bücher. Man findet nur wenig von uns in Bücherläden, aber es lohnt sich, diese Bücher zu entdecken.

Liebe Kerstin Zarbock,

vielen Dank für die interessanten Fragen und die Möglichkeit, auf dem Potsdamer Blog ein Bisschen erzählen zu dürfen. Ich mag den Blog und empfinde ihn als eine der sympathischsten Seiten von Potsdam.

Natürlich muss ich mich bei Herrn Rafalski bedanken, der sich ernsthaft mit meinem Fragen beschäftigt hat. Deshalb poste ich hier auch die netten Worte. Ich denke, dass sich unsere Wege in Potsdam auch in Zukunft kreuzen werden. Und dann ist ja auch das Thema Eberswalde im nächsten Jahr aktuell. Ich bin gespannt, was sich da entwickelt.

Also nochmals danke !

Zur Person: Hans Jörg Rafalski ist Grafikdesigner und Buchautor. Geboren in Eberswalde, wohnt seit ein paar Jahren in Niederfinow.

Irland. Das wunderbare Land. Hardcover mit 272 Seiten im Format 31,7 x 23,0 cm | Erzählbildband. ISBN 978-3-00-058963-8 | Einzelpreis: 45 Euro Zum Bestellformular

Erosion – Spuren der Industriekultur im Finowtal
Hardcover mit 96 Seiten im Format 31,7 x 23,0 cm
mit 48 großformatigen Fotografien und 1 Übersichtskarte
ISBN 978-3-00-054747-8
Einzelpreis: 34 Euro
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2018 und 2019 verantwortlich für die Organisation der Messe „Schöne Bücher aus Brandenburg“ in Potsdam.

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